Top Story in Ausgabe 06/2010: Das Weite gesucht

PORSCHE SCENE Driving Experience // Fahrerlebnis: 2.000 (Test-) Kilometer mit dem erstaunlichen 987 Boxster Spyder

PORSCHE SCENE Driving Experience // Fahrerlebnis: 2.000 (Test-) Kilometer mit dem erstaunlichen 987 Boxster Spyder

PORSCHE SCENE Driving Experience // Fahrerlebnis: 2.000 (Test-) Kilometer mit dem erstaunlichen 987 Boxster Spyder

PORSCHE SCENE Driving Experience // Fahrerlebnis: 2.000 (Test-) Kilometer mit dem erstaunlichen 987 Boxster Spyder

PORSCHE SCENE Driving Experience // Fahrerlebnis: 2.000 (Test-) Kilometer mit dem erstaunlichen 987 Boxster Spyder

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PORSCHE SCENE Driving Experience // Fahrerlebnis: 2.000 (Test-) Kilometer mit dem erstaunlichen 987 Boxster Spyder

PORSCHE SCENE Driving Experience // Fahrerlebnis: 2.000 (Test-) Kilometer mit dem erstaunlichen 987 Boxster Spyder

PORSCHE SCENE Driving Experience // Fahrerlebnis: 2.000 (Test-) Kilometer mit dem erstaunlichen 987 Boxster Spyder

Vom Windschutzscheibenrahmen abgesehen, bietet der Boxster Spyder weiten, unverbauten Himmel über den Köpfen seiner Insassen. Statt eines elektrischen Verdecks schützt bei plötzlichem Regen ein von Hand zu verspannendes, aus zwei Teilen zusammengesetztes Sonnensegel. Eine lange, aus Aluminium gefertigte Haube mit Doppelhutzen beherbergt den Nässeschutz, der sich leicht von einer Person zusammenrollen und verstauen lässt. Es sind eindeutig die schönen Stunden, denen dieser Porsche gewidmet ist. Denn nicht nur der ist oben offen, sondern auch die angestrebte Mehrheit seiner Besitzer. Freigeister sollen ihre helle Freude an ihm haben, Menschen mit unverbautem Blickwinkel, Individualisten notabene. Wir testeten eins der klügsten Konzepte, das zurzeit in Serie erhältlich ist. Und vergaßen darüber allzu leicht, dass auch ein Test über 2.000 Kilometer mit einer Rückgabe verbunden ist...

"Papa, Papa, ein Porsche, und das Gelbe da sind die Bremsen!" Der kleine Junge, keine drei Jahre alt dürfte er sein, ist völlig aus dem Häuschen. Wie gebannt mustert er die Silhouette eines flachen, kleinen Sportmodells, dessen Heck eine gestreckte Haube mit Doppelhutzen ziert. Ob der Junge weiß, dass da einmal in der Sturm- und Drangzeit seiner Großväter (sofern sie ihm beide noch vergönnt sind) diese urgewaltigen CanAm-Spyder existierten, die ganz ähnlich geformte Hutzen besaßen? Überhaupt Spyder - ob ihm dieses Zauberwort mancher großer kleiner Jungs irgendetwas sagt? Wie das Leben auf den vermeintlichen Nebenstraßen so spielt - die Antwort folgt prompt und unerwartet. Ein noch zierlicheres Mädchen eilt herbei und posaunt schon von weitem: "Oh Mami, schau mal, ein Rennauto! Weißt du, wie das Rennauto heißt?" Nach wie vor steht der Junge wie angewurzelt da und erwidert: "Ein Porsche, und das Gelbe da sind die Bremsen!" Dem Mädchen geht diese fachliche Tiefe zu weit. Es folgert: "Ein tolles Rennauto, ich muss zur Kita - jetzt!" Der Junge gibt seine stille Anbetung schließlich auf und marschiert der vergnügt singenden Jungdame hinterher. Das Haus, in dem die Kinder verschwinden, empfängt sie mit bunt dekorierten Fenstern und allerlei Spielkram im Vorgarten.

Was für ein Moment! Vielleicht muss der Mensch ein bestimmtes Alter, einen bestimmten Grad an Reife entwickeln, um diesen Augenblick als einen Porsche-Moment zu begreifen. Und doch - er ist es. Denn den auch für Kinderaugen wohl unverkennbarsten Porsche, einen 911, haben diese zwei Connaisseure des wohlgeformten Blechs nicht gesehen. Und doch haben sie den Porsche erkannt im Boxster Spyder, der ihre angestammte, auf Schrittgeschwindigkeit reduzierte Anliegerstraße unbeabsichtigt in einen Boulevard verwandelt. Damit sind zwei Grundfragen eines auf zehn Tage angesetzten Tests mit der womöglich intelligentesten Aufbaustufe der 987-Reihe bereits nach wenigen Minuten aufgelöst. Die erste Frage sollte eigentlich lauten: Wieviel Boxster ist dieser Zweisitzer, respektive wieviel Porsche? Die zweite: Wie diskret verläuft das Porsche-Leben unterhalb der Neunhunderelf? Wenn Kleinkinder dieses flach geduckte Konglomerat aus Blech, Aluminium und Kunststoffen als einen Porsche identifizieren, muss die Erwachsenenwelt doch die Potenzierung liefern! Das kann gar nicht anders sein. Die Blicke für einmal nicht auf sich ziehen, in Ruhe und Abgeschiedenheit das Auf- und Absetzen des zweiteiligen Verdecks probieren, ohne eine öffentlich inszenierte Burleske in den Ausmaßen eines Benny-Hill-Klassikers zu riskieren?

Diese Übung ist der Grund für den Abstecher in die verkehrsberuhigte Anliegerstraße gewesen. Doch als völlig unbeteiligte (und unbekannte) Fußgänger zum "chicen neuen Wagen" gratulieren, geht es offen weiter mit der Erkenntnis, dass dieser Porsche die Sympathien auf seine Seite bringt. So, wie es sonst Oldtimer in den südlicheren Regionen Europas tun. Plötzlich werden längst vergrabene Erinnerungen wach - an einen Montagnachmittag im Oktober 2004. Damals gilt es, eine Fahrwerksabstimmung auszutüfteln an einem Transaxle-Porsche, der in der Porsche Classic Car Trophy eingesetzt werden soll. Und dort 2005 schließlich auch läuft. Still ist es in den unbekannteren Winkeln des Allgäus und des Tannheimer Tals auf österreichischer Seite. Zwischen schwarz gegerbten Häuserfassaden glüht sich die Herbstsonne aus. Ganz so, als wollte sie für lange Zeit "Lebewohl" sagen. Am rechten Straßenrand drückt sich auf dem schmalen Gehsteig ein älteres (Ehe-?)Paar am Porsche vorbei, dessen Beklebung einem Papagei zur Ehre gereichen würde. Der Herr lüftet vornehm den Hut, die Dame erheitert sich: "Der Kaschper!" Stunden später, nach getaner Abstimmungsarbeit, entkräftet ein einheimischer Gastronom düstere Gedanken an eine Schmähung: "Nee", klärt er entrüstet auf, "Kaschper isch net nehgadiv bei uns!"

"Kaschper" - Sammelbegriff aller Individualisten, die entsprechende Autos fahren? Man sollte annehmen, dass Porsche-Enthusiasten - egal, welcher Couleur - mit dieser Definition leben können. Individualisten - ohne Zweifel ist ihnen der Boxster Spyder gewidmet. Der auf 1.275 Kilogramm reduzierte Zweisitzer kann seine Verwandtschaft mit seit 2008 überarbeiteten 987 Boxster einerseits nicht leugnen, andererseits wirkt er überaus eigenständig. Er ist mehr Spyder als Boxster, was vorrangig auf die bereits beschriebene Heckhaube mit Doppelhutzen zurückzuführen ist. Aus Gewichts- und Effizienzgründen besteht sie aus Aluminium, die Türen mit Zuziehschlaufen wie im Carrera RS sind ebenfalls aus Leichtmetall gefertigt. Links und rechts sind Mulden im Heckdeckel angeordnet, aus denen rot markierte Fanghaken aufragen. Diese setzen das manuell zu bedienende Verdecksegel unter Spannung. Bis auf die in zwei Teilen gelieferte, knapp geschnittene Kapuze ist kein weiterer Regenschutz geboten - ein Detail, das den puristischen Anspruch des Spyder unterstreicht. Natürlich spart diese Lösung, die ein per Stellmotor ein- und ausfahrendes Verdeck überflüssig werden lässt, am höchsten Punkt des Fahrzeugs wichtige Kilogramm ein. Die Krönung ist weiter unten ohne Zweifel die mit 8.033 Euro zusätzlich veranschlagte PCCB-Bremse. Sie beschert durch ihre unverschämt späte Verzögerung einen Zugewinn an Dynamik.

Dynamik - davon zeugt auch das zackige Einlenken, dem der Spyder mit der Präzision eines mit 5,5 PS motorisierten 160-ccm-Hallenkarts folgt. Dass mit 320 PS etwas mehr Antriebskraft zur Verfügung steht, kann daran nicht rütteln. Langsame Kurven, mittelschnelle Kurven, schnelle Kurven - alle Kurven meistert der Spyder in einer Manier, als hätte man Erik Zabel zum Volksradfahren vergattert. Mögliches Motto: "Netter Vortrag, aber was hier wirklich drin ist, findet Ihr heute nicht mehr heraus!" Neben dem straffer abgestimmten Fahrwerk mit PASM-Option sind einteilige 19-Zoll-Räder und Reifen des Formel-1-Generalausstatters Bridgestone verantwortlich dafür. Dass es schneller durch Fünfte- oder Sechste-Gang-Passagen geht als beim Basismodell, dem Boxster, liegt auch am löffelförmig in den Wind gestellten, feststehenden Heckspoiler. Da maximal 267 km/h anliegen, bekommt die Abtriebshilfe fallweise mit reichlich Winddruck zu tun. Allerdings ist stupides Tempobolzen nicht das Ding des Spyder. Sicher, die PCCB-Anlage lädt, einmal auf Betriebstemperatur, zum Stepptanz auf den Pedalen ein. Wer die Gaben des Mittelmotor-Konzepts besser kennenlernen will, erfreut sich am günstigen Verbrauch (9,7 Liter/100 km im Schnitt, Schleichfahrten bei konstant 3.000/min unter neun Litern möglich) und verlässt die Autobahn. Dynamik ist geradeaus eben nicht zu vermitteln. Und dort, wo es ums Eck geht, blüht der Spyder regelrecht auf. Damit es auch seinen Insassen so ergeht, zeigt sich das Wageninnere sensibel konfiguriert. Neben den RS-Türschlaufen empfangen sie Karbon-Sitzschalen und wahlweise eine geschmackvolle Lederausstattung (3.076 Euro Aufpreis).

Die Ausstattungsliste enthält auch ein mit 2.945 Euro angegebenes PDK-Doppelkupplungsgetriebe. Doch die manuelle, mit mechanischem Klack-Klack einrastende Sechsgang-Schaltung passt eindeutig besser zum Gesamtpaket. Auf das Drehzahlband des Sechszylinder-Boxermotors aus dem Cayman S ist sie gut abgestimmt. Das Zurückschalten per Zwischengas ist eigentlich nicht nötig, aber ein akustischer Genuss. Dann ruft typischer Porsche-Sound in Erinnerung, dass der Name "Boxster" aus der Komposition der Begriffe "Boxer" und "Roadster" entstand. Ergo könnte ein Vierzylinder-Reihenmotor - so er denn jemals kommen sollte - schlecht in einem Boxster laufen, wohl aber in einem Spyder. Und darin liegt eine der Möglichkeiten dieses klassenlosen, ab 63.404 Euro erhältlichen Modells: Es würde auch mit alternativen Antrieben nichts von seiner Faszination einbüßen. Doch wo in Europa kann man sich dieser Faszination ergeben, ohne unentwegt "zum chicen neuen Wagen" beglückwünscht zu werden, wo sind schöne Straßen garantiert auch stille Straßen? In den klassischen Hochburgen des Massentourismus wohl kaum, das steht fest! Nicht ganz zufällig bricht sich der Gedanke an einen seit langem anstehenden Fototermin mit einem slowenischen 356 C 1600 SC Cabriolet des Jahrgangs 1964 Bahn. Franc Malgaj, der Besitzer, hat in seine slowenische Heimatstadt Trbovlje eingeladen. Mit den Porsche-Freunden aus der Steiermark steht ohnehin ein Wiedersehen an, was sich wunderbar verbinden ließe: Die Steiermark und Slowenien sind Nachbarländer, Kroatien liegt nebenan.

Der Gedanke ist reizvoll: Einfach das Weite suchen, die wahre Individualität erleben? Am nordwestlichen Zipfel Kroatiens befindet sich eine Kulturlandschaft, die als blumenreich, subalpin und vom Tourismus fast unberührt gilt. Der Berg Ivanščica, mit immerhin 1.061 Metern über dem Meer die höchste Erhebung dieses Gebietes, bietet sich als Zielort an. An seinem Fuß liegt Ivanec - neutraler Boden für den Slowenen Malgaj und die Steirer. Sie treffen sich jeweils auf halbem Weg. Bei ihrer Zusammenkunft entstehen Bilder eines 356, die Sie in der vorliegenden Ausgabe gleichfalls zu sehen bekommen. Es wäre in der Tat ein Eldorado für den Boxster Spyder - gewesen. Auf kurvenreichen, kaum befahrenen, aber niemals schlechten Straßen hätte er seine Talente in jeder Hinsicht ausspielen können. Doch dazu müsste man ihn besitzen und nicht, wie bei Testwagen üblich, abgeben müssen. Denn als sich die Beteiligten auf einen Fototermin in Ivanec verständigt haben, ist das Zeitfenster für den Spyder abgelaufen. Auf dem Weg nach Süden muss er sich im Heimathafen Stuttgart-Zuffenhausen zurückmelden. Werk eins, Tor eins - und Schluss! Am Ende geht alles ganz schnell, wie immer, wenn sich Wohlbefinden einstellt. Wie sollte es auch anders sein in einem Porsche, der alles richtig macht von der Dimensionierung über die Konfiguration bis hin zur Energieausnutzung? Wenn irgendetwas verbessert werden könnte, dann wäre es das nur bis 200 km/h freigegebene Sonnensegel. Besaß der Carrera GT nicht zwei Dachhälften aus Karbon, die im Gepäckabteil untergebracht waren? Ein solches Feature wäre vielleicht eine lohnenswerte Idee, die den Spyder-Ansatz nicht schmälern würde.

Fazit: Man müsste ihn besitzen, diesen rundum gelungenen Boxster Spyder...

...und seiner Phantasie in schöner Regelmäßigkeit freien Lauf lassen - wann suchen Sie das Weite, wohin führt Sie Ihre Reise?

PORSCHE SCENE Driving Experience // Fahrerlebnis: 2.000 (Test-) Kilometer mit dem erstaunlichen 987 Boxster Spyder

Von: Carsten Krome

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