31.1.2010: kontrollierte Freude

Von der Möglichkeit eines Sieges sprach aber auch Mike Rockenfeller nicht, im Gegenteil. In den Trainingssitzungen legte er die meisten Kilometer innerhalb des Teams zurück. Ein hartnäckiges Untersteuern, der Prototyp schob beim Beschleunigen aus den Kurven heraus über die Vorderräder, wollte sich partout nicht abstellen lassen. Dadurch fehlte es an Vortrieb, was "Rockys" Fahrerkollege Joao Barbosa aber nicht dem Motor zuschrieb. Er konstatierte: "Gegenüber dem Porsche-Sechszylinder fehlt es an Spitzenleistung, im Teillastbereich hat unser Achtzylinder Vorteile." Vor der 24-Stunden-Hatz musste das komplette Fahrwerks-Setup umgebaut werden – eine unpopuläre Entscheidung. Die Motivation: Mike Rockenfeller vermutete, in Sachen Topspeed bestünde sogar Gleichstand mit den hausinternen Gegnern. Startplatz acht deutete darauf aber nicht unbedingt hin. Doch der spannende Rennverlauf gab dem 26-Jährigen Recht. Er entpuppte sich als eine Schlüsselfigur, legte in der Nacht den Grundstein zum zweiten Porsche-Sieg hintereinander. Hurley Haywoods Hoffnungen auf einen historischen Triumph für Brumos-Porsche beim letzten Einsatz seiner Berufsrennfahrer-Karriere gingen buchstäblich in Rauch auf – aus der Traum!

Auch Chip Ganassi musste einen Ausfall hinnehmen. Am bis dahin führenden Riley-BMW mit Chefpilot Montoya ging der Motor ein, Wagen Nummer zwei warf ein sinnloser Boxenstopp zurück. Der Portugiese Joao Barbosa war sofort zur Stelle und übernahm die Führung für Action Express Racing, die Mike Rockenfeller in den darauf folgenden Stunden ausbaute. Von einem hängenden Gaspedal und dem Ausfall der Kupplung abgesehen, lief der Achtzylinder-Porsche zuverlässig durch. Weniger als eine Minute betrug sein Vorsprung auf den zweiten Ganassi-BMW-Riley im Ziel. Obwohl auf der Windschutzscheibe immerhin ein Porsche-Schriftzug prangte – ein Veto hätte dies genauso verhindern können wie den Start des Konzernpiloten Mike Rockenfeller – gingen die Schwaben auf Distanz. Der vom Cayenne abgeleitete Achtzylinder-Motor der Lozano Brothers werde von Porsche nicht unterstützt, hieß es einsilbig. Die Freude über den zweiten Daytona-Erfolg hintereinander blieb verhalten. Die Botschaft dahinter: In einem der wichtigsten Absatzmärkte von Panamera und Cayenne übertrumpfte der Achtzylinder-Motor den 3,99 Liter großen Sechszylinder-Boxer aus der 911er-Baureihe – nicht mehr, aber auch nicht weniger. Für den weiteren Verlauf der GrandAm-Saison bedeutet das erst einmal nichts. Die Stars treten nur bei den 24 Stunden von Daytona an, dort waren 2010 ganze 15 "Daytona Prototypes" dabei. Das lässt nichts Weltbewegendes erwarten.

Doch der France-Klan nahm mit der DTM-Organisation Kontakt auf. Ab 2011 wird – Sie haben es in unserer Ausgabe des Vormonats gelesen – ein neues DTM-Reglement gelten, GrandAm könnte auf den Zug aufspringen und die "Daytona Prototypes" nach neun Betriebsjahren sanft entschlafen lassen. Eile ist geboten, denn hinter den Kulissen ist ein Machtkampf mit der American Le Mans Series (ALMS) entbrannt. GrandAm-Fahrzeuge dürfen plötzlich auch dort fahren, erste Rennställe wie Alex Job Racing machen von dieser Möglichkeit Gebrauch. Auch die ALMS muss handeln, nachdem sich die Autowerke zurückgezogen haben. Dieser Aspekt ist wiederum ein Pluspunkt für GrandAm. Unabhängig von Herstellern zur Siegreife durchentwickelte – und finanzierte – Motoren sind ein Novum. Auch der Dinan-BMW-Treibsatz in den Ganassi-Riley soll mit herzlich wenig Amtshilfe aus München ausgekommen sein. Dahinter steckt das Streben nach Unabhängigkeit von den Werken, die vielleicht wichtigste Lehre der Wirtschaftskrise. Auch in der Formel 1 hat man das einsehen müssen. Die Show ist entscheidend, und das wissen die Erben des NASCAR-Erfinders Bill France am besten. Mit "Stock Cars" – Rennwagen aus dem Schaufenster – baute der Großvater sein Imperium auf. Seine Enkel könnten mit GrandAm entscheidende Impulse setzen. Und es sich leisten, auch in Zukunft zu Hause in den USA zu bleiben, Globalisierung hin oder her. Bis auf ein Gastspiel in Mexiko sind die "Daytona Prototypes" ihrem Ursprungsland bisher treu geblieben.

Von: Carsten Krome

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